Digitale Bildmontagen und barocke Machtrepräsentanz

Die großformatigen Tapisserien in ihrer barocken Bild- und Materialpräsenz beziehen ihre zentralen Motive von aktuellen Medienbildern, Pressefotos und anderen Ikonen unserer Informationsgesellschaft.
Motive wie z.B. ein Einkaufszentrum als Ort kommerzieller Hofhaltung („Höfisches Interieur“), ein Neugeborenes im Brutkasten als moderner Mythos der Herrschaft über Leben und Tod („Die Geburt der Venus“), eine Imbißbude als weihevoller Ort („Abendmahl“) ...

In den vergangenen sechs Jahren entstanden in dieser Arbeitsreihe mehr als 20 Tapisserien.
Die zentralen Darstellungen sind von digital übernommenen historischen Bordüren umrahmt, die gemäß ihrer traditionell kommentierenden Funktion mit allerlei gegenwärtigen Bezugssymbolen durchwirkt sind: z.B. Börsen- oder Wirtschaftsdiagramme, wissenschaftliche Schaubilder, Signets, bekannte Helden aus Comics und Computerspielen.
Die Bildvorlagen entstammen populären Polit- und Gesellschaftsmagazinen, sie werden digitalisiert, digital nachbearbeitet , neu kombiniert.
Die Produktion der Tapisserien erfolgt auf der Basis digitaler Daten (CD) mittels eines digital gestützten Webverfahrens in einer flandrischen Weberei. Es handelt sich also nicht um „echte“ Gobelins, sondern um Zitate dieses historischen wertkonnotierten Mediums ; industrielle “Fälschungen“, hergestellt in Belgien, dem Ursprungsland der klassischen Tapisserie und heutiger Souvenier-Repliken.


In der konfrontierenden Zusammenführung des historischen Repräsentationsmediums und des heutigen Informationsmediums wird die Macht des Bildes untersucht, die Tragweite verschlüsselter, aber komplexer Wertaussagen und Weltbilder. Der feudale Gobelin war unter diesem Gesichspunkt ein Vorläufer des heutigen meinungsprägenden Medienbildes.

Die Neuinszenierung der barocken Tapisserie mit Motiven gegenwärtiger gesellschaftlicher Inkunablen, in der ihre ursprünglichen Funktion zitiert wird, gewinnt vor dem Phänomen einer global kommunizierenden „Feudalgesellschaft“ mit „Majestäten“ aus Politik und Wirtschaft, Showbusiness und Sport eine kritische Ironie.

Margret Eicher